Welche Reederei ist besser?

Das Angebot auf einem Kreuzfahrtschiff hinter der Bar zu arbeiten ist verlockend und immer latent vorhanden – doch welche Reederei ist besser? Stets der Sonne entgegen fahrend, an exotischen Orten am Strand liegen und mit Gästen und Crew das Urlaubsfeeling genießen und feiern. Natürlich lockt das große Geld. Es wird einem immer erzählt, dass die Reedereien gut bezahlen und während der Schiffsreise kaum Kosten anfallen.  Im Kollegium eines jeden Barkeepers gibt es den einen oder anderen, der schon einmal seinen Dienst auf einem Schiff verrichtet hat. Dementsprechend mannigfaltig sind die Legenden und Gerüchte über den Alltag auf den sieben Weltmeeren. Noch nie zuvor war es so einfach, einen Job bei den Reedereien zu bekommen. Es werden immer mehr und immer größere Schiffe gebaut, die frische Barkeeper brauchen. Doch wenn der Entschluss gefallen ist, auf große Reisen zu gehen, stellt sich die Frage,  welche Reederei ist die beste für mich? Ich habe bei zwei ganz unterschiedlichen Unternehmen meine Erfahrungen sammeln können. Im Folgenden werde ich von meinen wahrgenommenen Unterschieden zwischen den beiden Reedereien berichten.  Ich war 2011/2012 auf der AIDA Cara und 2014 auf der MS Europa 2 von Hapag-Lloyd.

Arbeiten in einer Schiffsbar

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Lambada Bar auf der AIDA Cara

Grundsätzlich ist die Arbeit auf einem Schiff viel anstrengender als an Land. Das liegt nicht unbedingt an der Intensität der Arbeit sondern vielmehr an der Masse. Ich habe in meinen zehn Jahren als Barkeeper schon in einigen Locations gearbeitet. Darunter auch Bars mit mehr als 1.000 Gästen täglich. Trotzdem zehrt der sieben Tage Rhythmus auf dem Schiff extrem an den Kräften. Man hat keine Zeit, seine Akkus wieder aufzuladen. Wenn dann mal ein Abend richtig anstrengend war, geht es am nächsten Tag gleich weiter. Ohne Erholung, sechs Monate am Stück.

 

 

 

Wieviele Stunden am Tag AIDA?

Bei AIDA habe ich als Barkeeper durchschnittlich zehn Stunden am Tag gearbeitet. Ich weiß von anderen befreundeten Barkeepern, dass sich bei AIDA das Arbeitspensum inzwischen nicht geändert hat.  Das ist völlig in Ordnung. Zumal die Verantwortung, die man trägt überschaubar ist. Wenn ihr bei AIDA mehr Verantwortung übernehmt und eine Bar leitet (Barchef oder mittlerweile Head Bartender – das kann schnell passieren, bei mir nach sechs Wochen) müsst ihr mit elf Stunden am Tag und viel mehr zu erledigende Aufgaben rechnen. Trotzdem und gerade wegen der einigermaßen angenehm verteilten Schichten, kann man in den Häfen noch einiges von den fremden exotischen Ländern sehen. Wenn der Dienst erst 15:00 beginnt, hat man lange genug Zeit, das Schiff zu verlassen, vorausgesetzt, man will nicht lieber schlafen und sich erholen.

Wieviele Stunden am Tag Hapag-Lloyd?

Wer sich als Barkeeper bei Hapag-Lloyd Kreuzfahrten bewirbt, kommt mit sehr höher Wahrscheinlichkeit auf die MS Europa 2 (kurz EUX). Die anderen Schiffe brauchen nur einen Barkeeper und der wird aus dem vorhandenem Team requiriert oder haben seit Jahren ihr festes Team.  Auf der MS Europa 2 habe ich durchschnittlich dreizehn Stunden am Tag gearbeitet. Das ist deutlich mehr als bei AIDA und verdammt viel! Es waren viele Tage dabei, an denen ich bis zu 18 Stunden gearbeitet haben und am nächsten Tag nach fünf Stunden Schlaf wieder ran musste. Die Schichten sind zudem meistens noch sehr unpraktisch verteilt, dass man im Hafen selten mehr als drei Stunden Zeit hat, das Schiff zu verlassen. Wenn das Schiff dann noch etwas außerhalb der Stadt oder auf Reede (das Schiff liegt vor Anker und die Passagiere werden mit Booten an Land gebracht)liegt, lohnt es sich nicht einmal, es zu verlassen.

Sicherheitstraining

Bei beiden Reedereien nimmt das Sicherheits-Training der Crew viel Zeit in Anspruch. Mindestens einmal die Woche wird meistens am Vormittag (also meist in der freien Zeit) das Wissen und die Handhabung der Sicherheitsmittel und das Evakuieren des Schiffs exerziert. Das wird bei AIDA und Hapag-Lloyd sehr ernst genommen und dementsprechend häufig wiederholt. Diese Zeit gilt nicht als Arbeitszeit.

Reiseziele

Was die Reiseziele angeht, hat Hapag-Lloyd die Nase vorne. Auch wenn AIDA exotische Ziele wie Südostasien und die Karibik anfährt, bleiben die meisten Schiffe der Flotte in Europa. Wer also die exotischeren Orte sehen will, ist mit Hapag-Lloyd besser beraten. Die EUX ist zwar im Sommer auch in Europa, fährt aber anders als bei AIDA kaum einen Hafen zweimal an. Bei der Reederei mit dem Kussmund gibt es sogar für manche Schiffe 25 Wochen am Stück die gleiche Siebentagereise. Das heißt dann ein halbes Jahr lang nur Kanaren. Das ist nicht so spannend wie den halben Sommer jeden Tag in einem anderen Hafen zu sein und sich im Herbst auf dem Weg nach Südafrika oder in die Karibik zu machen.

Das Publikum

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Herrenzimmer-Bar auf der MS Europa 2 – Höchste Standarts

Die Gäste der beiden Unternehmen unterscheiden sich natürlich extrem. Das wird schon klar, wenn man sich die Durchschnittspreise für eine Woche mit den jeweiligen Schiffen anschaut. Bei AIDA ist der Gast mit 1000,-€ pro Woche gut dabei. Bei Hapag-Lloyd sollte der Reisende schon das Vier- bis Fünffache einplanen. Es gibt auch bei den Gästen Überschneidungen. Ich habe auf der AIDA Gäste von der MS Europa getroffen und fast jeder Stammgast der MS Europa 2 hat sich die AIDA Flotte einmal als Gast angeschaut.

Unterschiedliche Arbeitsweisen

Was bei AIDA auffällt, ist einfach die Tatsache, dass die Gäste meistens als Masse auftreten. Wenn nach einer Veranstaltung am Abend hunderte von Gästen gleichzeitig in die Bars strömen, macht es großen Spaß, den Ansturm abzuarbeiten. Genauso interessant ist es, einen Welcome Drink für über 2000 Passagiere vorzubereiten oder eine riesige Poolparty durchzuführen. An den kleinen Bars geht es auch etwas gemütlicher zu und es bleibt genug Zeit, um ein Pläuschchen mit den Gästen abzuhalten. Wer allerdings mehr Wert auf hohe Service Standards legt und den direkten Kontakt zu den Gästen bevorzugt, erlebt das bei Hapag-Lloyd auf einem unglaublich professionellen Niveau. Ich könnte mir als Gast keinen besseren Service vorstellen, als den der auf den Schiffen der Hamburger Reederei zelebriert wird. Nicht umsonst sind die Europa und die Europa 2 die besten Kreuzfahrtschiffe der Welt. Der Service, das Equipment und die Ausstattung sind atemberaubend. Wer also noch nie zuvor einen 5 Sterne (besser noch 5 Sterne plus) Service gemacht hat, wird sich auf diesen Schiffen vielleicht nicht ganz so wohlfühlen wie bei AIDA. Dementsprechend anspruchsvoll sind auch manche Gäste und vor allem die Anforderungen vom Management an jeden einzelnen Mitarbeiter. Ich persönlich liebe diesen aufopferungsvollen Service und habe mich in dieser Hinsicht bei Hapag-Lloyd sehr wohl gefühlt. Hier hat jeder Mitarbeiter genügend Zeit für jeden einzelnen Wunsch der Gäste.

Die Crew und das Zusammenleben

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Cocktail-Empfang für 1000 Gäste

Ich persönlich habe bei Hapag-Lloyd mehr Freundschaften geschlossen und trotz der extremen Arbeitsbedingungen auch mehr Spaß gehabt. Die zwischenmenschlichen Beziehungen habe ich hier viel intensiver wahrgenommen. Bei AIDA ist alles etwas oberflächlicher und trotz der strickten Alkoholgrenze ist das Team mehr auf Party ausgerichtet. Das Management bei AIDA ist ausgezeichnet geschult und gibt meistens klare unmissverständliche Ansagen. Es ist beeindruckend, wie schnell Änderungen auf den Schiffen umgesetzt werden. Bei Hapag-Lloyd habe ich die Vorgesetzten leider oft etwas weniger strukturiert  erlebt.

Die Heuer

Was die Bezahlung angeht, nehmen sich die beiden Reedereien gar nicht so viel, wie es zuerst scheint. Wer als Barkeeper bei AIDA startet, bekommt ein sehr niedriges Gehalt (mit dem an Land vergleichbar). Wie oben schon erwähnt, sollte es aber möglich sein, in kurzer Zeit befördert zu werden. Als Head Bartender ist das Gehalt dann schon gleich das eineinhalb fache höher. Bei AIDA gibt es leider sehr wenig Trinkgeld. Wer hier im Monat mit 150,-€ rechnet, kalkuliert schon hoch. Dafür zahlt AIDA am Ende einer jeden Reise einen Urlaubsanspruch in Höhe von anfangs  sechs (die Anzahl steigt bei zunehmender „Betriebszugehörigkeit“) Tagen pro gefahrenen Monat an die Mitarbeiter aus. Das macht nach sechs Monaten Fahrt  weit mehr als ein ganzes Extragehalt aus. Das Tolle ist, dass es bei AIDA einen italienischen Vertrag gibt und somit die geleisteten Sozialabgaben auch in Deutschland gelten. Bei Hapag-Lloyd gibt es ein sehr viel höheres im Vergleich zum Barkeeper bei AIDA doppelt so hohes Gehalt, jedoch keine Sozialleistungen und kein Urlaubsgeld.

Man sollte glauben, dass es auf dem besten Kreuzfahrtschiff der Welt ein gutes Trinkgeld gibt. Meine Erfahrung zeigt aber, dass dem leider nicht so ist. Es ist in der Regel etwas mehr als bei AIDA, kann aber auch genauso wenig sein. Glücklicherweise werden hier die geleisteten Überstunden mit einem kleinen Stundensatz ausgezahlt. In Summe ist die Auszahlung bei den ganzen Stunden zum Glück meist sehr viel höher als das monatliche Trinkgeld. Bei AIDA gibt es unterm Strich also etwas weniger Geld, dafür muss aber auch nicht so viel und lange gearbeitet werden.

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AIDA Vita und MS Europa 2 in Valencia

 

 

Welche Reederei nun die bessere ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich hoffe, meine Ausführungen konnten dazu etwas beitragen.

 

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